12.05.2026

Klangmacher für Könige und Komponisten

Er schuf das Handwerkszeug für Genies und gab dem 19. Jahrhundert einen unverwechselbaren Klang: Am 1. Juni 2026 jährt sich der Geburtstag von Carl Bechstein zum 200. Mal. Eine Würdigung des Mannes, der von Berlin aus Musikgeschichte geschrieben hat.

Die Blütezeit des Klaviers: Im 19. Jahrhundert spielten Handys, Computer, Fernsehen, Radio und Stereoanlagen noch keine Rolle. Die Menschen besuchten Konzerte und machten selbst Musik – und das Klavier trat in den bürgerlichen Haushalten seinen Siegeszug an. Rund 200 Klavierbaufirmen stillten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Berlin die enorme Nachfrage. Aber nur eine Manufaktur hat überlebt: C. Bechstein.

Als der 27-jährige Carl Bechstein 1853 in Berlin seine eigene Werkstatt gründete, ahnte wohl noch niemand, dass er damit den Grundstein für einen „klingenden Mythos“ legen würde. Allerdings brachte er die besten Voraussetzungen mit, um als Klavierbauer erfolgreich zu sein. Denn er war nicht nur ein genialer Handwerker, sondern er verstand auch seine Zielgruppe, die Musiker. Und auch mit Zahlen muss der später enorm erfolgreiche Geschäftsmann sich gut ausgekannt haben.

Carl Bechstein wurde am 1. Juni 1826 in Gotha geboren. Sein Vater, ein Cousin des Märchensammlers Ludwig Bechstein, verstarb 1831 im Alter von 42 Jahren. Carl Bechstein erhielt beim Stiefvater einen soliden Unterricht in Geige, Cello und Klavier. Mit 14 Jahren wurde Carl zu dem Klavierbauer Johann Gleitz in Erfurt in die Lehre geschickt. Nach vier Jahren gestaltete er seine Lehrjahre als Wanderjahre und ging zuerst nach Dresden und Berlin, ab 1849 auch nach London und Paris, um bei den besten Klavierbauern seiner Zeit zu lernen.

Den 1831 gestorbenen Sébastien Érard konnte Bechstein nicht mehr kennen lernen. Ob er dessen Neffen und Nachfolger Pierre Érard in Paris getroffen hat, ist nicht belegt. Aber Carl Bechstein scheint von Érard gelernt zu haben, wie wichtig die Künstler für das Marketing einer Klavierbaufirma sind. 1856 hatte Bechstein zudem erlebt, dass Érard Liszt für ein Konzert in Berlin einen Flügel zur Verfügung gestellt hatte. Und Bechstein sah mit an, wie im Verlauf des Abends eine Saite nach der anderen der Belastung von Liszts hochvirtuosem Klavierspiel nicht mehr standhielt und riss. Bechstein beschloss damals, den neuen und wirklich modernen Flügel zu bauen, der auch Liszts Spiel gewachsen wäre.

Das entscheidende Konzert fand am 22. Januar 1857 statt: Hans von Bülow brachte in Berlin Liszts Klaviersonate in h-Moll zur Uraufführung. Die Sonate schied die Gemüter, und es entspann sich eine bedeutende Pressefehde, in deren Verlauf Hans von Bülow die Sonate entschieden verteidigte. Und ebenso überzeugt äußerte er sich dahingehend, dass vor allem das neue Instrument, das er benutzte, der Sonate zu ihrer Wirkung verholfen habe. Am Tag nach dem Konzert schrieb Bülow einen Brief an Liszt, in dem er erwähnte, dass er ein Instrument eines „gewissen Bechstein“ gespielt habe, das er höher als die Érards einschätze.

Hans von Bülow bezeichnete Bechsteins Instrumente später als das, was „Stradivarius und Amati für die Geiger“ seien. Debussy meinte, man solle Klaviermusik nur für den Bechstein schreiben. Komponisten von Alexander Skrjabin über Ferruccio Busoni bis Richard Strauss liebten ihren Bechstein. Wohl seit 1860 lieferte Bechstein auch an Königshäuser, zuerst an den preußischen Hof, später ebenfalls nach Großbritannien – und schrieb die Bezeichnung „Hoflieferant“ stolz auf seine Flügel. Doch Bechstein war nicht nur für seine Flügel berühmt: Als andere noch auf das früher weit verbreitete Tafelklavier setzten, baute er in seiner Manufaktur tatkräftig aufrechtstehende Klaviere. Der Bechstein eroberte die bürgerlichen Wohn- und Musikzimmer, und Carl Bechstein erweiterte mehrfach seine Betriebsstätten.

Am 4. Oktober 1892 eröffnete zum größten Stolz des Geheimen Kommerzienrats Carl Bechstein, wie er sich inzwischen nennen durfte, in der Linkstraße der „Bechstein-Saal“. Die drei Eröffnungskonzerte gestalteten Hans von Bülow, Johannes Brahms und Anton Rubinstein. Die Eröffnung der Bechstein Hall, der heutigen Wigmore Hall, durch Ferruccio Busoni 1901 in London hat Carl Bechstein nicht mehr erlebt. Als Carl Bechstein am 6. März 1900 starb, hinterließ er seinen drei Söhnen ein Weltunternehmen mit fast 800 Beschäftigten, die im Jahr mehr als 3.500 Instrumente bauten.

Heute ist C. Bechstein ein Berliner Unternehmen und der größte europäische Klavierbauer. Rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind für C. Bechstein in zwei Manufakturen im sächsischen Seifhennersdorf und tschechischen Hradec Králové sowie in 14 eigenen C. Bechstein Centren in Deutschland und Österreich sowie eigenen Vertriebsfirmen in den USA, Japan und China tätig. Sie alle gratulieren ihrem Firmengründer, der in aller Bescheidenheit über sich selbst gesagt haben soll: „Ich habe nur das fabelhafte Glück gehabt, dass Gott an meinem Werktisch stand.“

 

Ansprechpartner für die Presse
Gregor Willmes, Tel. 01590 4548 323, willmes@bechstein.de

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Fotocredit: Archiv C. Bechstein