03.06.2026
Klaviere für alle
Eine musikalische Familie testet C. Bechstein Concert Flügel A-192 mit schmaleren Tasten.
Eine musikalische Familie: Christine Gerwig und Efraín González sind ein erfolgreiches Klavierduo. Ihre Kinder Alejandro (19) und Valeria (17) studieren beide Klavier. Gemeinsam besuchten sie nun das C. Bechstein Centrum Nürnberg und testeten dort den ersten C. Bechstein Concert Flügel A-192 mit 6.0 Klaviatur - also mit schmaleren Tasten - und dazu passender MIDI-Sensorik. Efraín González sandte uns den folgenden bewegenden Bericht:
Nur wenige Sekunden, nachdem sie begonnen hatte, Chopins Etüde op. 25 Nr. 1 zu spielen, brach die Konzertpianistin Christine Gerwig in Tränen aus. Es war ein Schock. Die Wirkung des neuen C. Bechstein Concert Flügel A-192 war aufgrund der schmaleren Tasten überwältigend. Doch fangen wir von vorne an.
Alle vier Mitglieder unserer Familie haben kleine Hände und sind dennoch Pianisten. Christine und ich haben beide Klavier an der Universität Mozarteum in Salzburg studiert. Das Thema kleiner Hände begleitet uns jedoch schon seit unserer Kindheit. Klavierspielen war für uns immer schwierig – seit wir Kinder waren. Nun leiden auch unsere Kinder unter demselben Problem. Tatsächlich haben meine Frau und ich uns entschieden, ein Klavierduo zu gründen, anstatt als Solisten aufzutreten: Die Taste, die einer nicht greifen kann, spielt der andere.
Christine war die Erste, die sich ans Klavier setzte. Es ist sehr schwer, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Während sie auf dieser Tastatur mühelos eine Chopin-Etüde spielte – etwas, das auf einer Klaviatur in Standardgröße für sie nicht möglich wäre –, kamen ihr zweiundvierzig Jahre des Leidens und der Schmerzen in den Sinn: seit sie als Kind das Klavierspielen lernte, die Zeit im Studium an der Universität und ihre Jahre als professionelle Konzertpianistin. Alles aus einem einzigen Grund: wegen ihrer kleinen Hände. Sie musste aufhören zu spielen, um weinen zu können.
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„Es wäre so einfach gewesen…“
Auch ich hatte Tränen in den Augen, es war herzzerreißend. Und tatsächlich wäre für sie so einfach gewesen, das Klavierspielen zu erlernen und vielleicht sogar eine internationale Karriere aufzubauen. Mit ihrem Talent hätte sie das schaffen können. Doch im Jahr 1880 beschlossen Patriarchat, Unternehmer und Klavierbauer, dass die Standardbreite einer Oktave 6,5 Zoll betragen sollte. Diese damals festgelegten Maße haben in den vergangenen 140 Jahren bei hunderttausenden Menschen auf der ganzen Welt Frustration ausgelöst.
Zu Zeiten von Mozart, Beethoven und sogar Chopin waren die Klaviaturen noch schmaler, und Pianisten mussten ihre Hände nicht übermäßig spreizen, um mit dem ersten und fünften Finger eine Oktave zu greifen. Zum Beispiel von C bis C (über die Töne D, E, F, G, A und H). Diese wunderbare, schmalere 6.0-Klaviatur knüpft daran an und ermöglichte es Christine endlich, so zu spielen, wie sie es sich immer gewünscht hatte. Endlich konnte sie das interpretieren, was tatsächlich in der Partitur steht; endlich ohne Ermüdung; endlich ohne Schmerzen.
Für Menschen mit kleinen Händen ist das Spielen auf einer Klaviatur mit „normalen“ Abmessungen stets eine Herausforderung und eine Anstrengung. Die Hand schmerzhaft zu spreizen, um Oktaven und Akkorde zu erreichen, ist schrecklich. Pianisten mit großen Händen kennen diese Probleme nicht. Sie greifen eine Oktave so, wie wir eine Septime greifen (und manchmal sogar eine Sexte). Sie können sich kaum vorstellen, was wir mit kleinen Händen durchmachen. Stunden um Stunden des Übens führen zu Ergebnissen, die mit großen Händen deutlich schneller erreichbar wären. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, betrachten uns Viele mit Mitleid, so als wären wir körperlich behindert.
Natürlich muss man trotzdem ein guter Pianist und ein guter Musiker sein und über eine solide Technik verfügen, aber beim Klavierspielen war die Handgröße schon immer entscheidend. Bei fast jedem anderen Instrument gibt es verschiedene Größen. Kinder können bereits im frühen Alter mit einer kleinen Violine beginnen, und während sie wachsen, wächst auch die Größe des Instruments mit. Beim Klavier war dies bisher praktisch unmöglich – aufgrund der hohen Produktionskosten, der Tatsache, dass Klaviere wegen ihres Gewichts und Volumens schwer zu transportieren sind, und vielleicht auch wegen der Sorge der Hersteller, dass es keinen Markt für Instrumente mit unterschiedlich breiten Klaviaturen gäbe.
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Das muss sich ändern!
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Und es gibt nun erste Anzeichen, auch dank Bechstein, dass es sich langsam ändert. Es ist Zeit für ein Umdenken in der Klavierindustrie. Aus rein wirtschaftlicher Sicht gibt es weltweit mehr Menschen mit kleinen als mit großen Händen. Wären die Tastaturen schmaler, würden mehr Menschen mit Freude Klavier spielen. Vielleicht hätten die Hersteller sogar deutlich mehr Geld verdient, wenn man sich bereits 1880 anders entschieden hätte. Ich bin überzeugt, dass die Zukunft des Klaviers in der 6.0-Tastatur liegt, die für die Mehrheit der Menschen wesentlich komfortabler ist.
Außerdem muss ich erwähnen, dass besonders Frauen und Kinder durch die Größe benachteiligt werden. Bei internationalen Klavierwettbewerben sind die meisten Finalisten Männer, und die Mehrzahl der berühmten Pianisten sind Männer mit großen Händen. Wie viele talentierte Frauen sind im Laufe der Geschichte unbeachtet geblieben, nur weil ihre Hände für die festgelegten Standardmaße der Klaviatur zu klein waren?
Dann war ich an der Reihe, mich ans Klavier zu setzen, und spielte Chopins Barcarolle. Nachdem ich meine Tränen zurückgehalten hatte, überkam auch mich das Gefühl, dass sich Klavierspielen immer so hätte anfühlen müssen. So wie ich mir immer gewünscht habe, groß zu sein und die Welt von oben zu sehen, einfach die Haltestange im Bus greifen zu können, indem ich nur den Arm hebe – statt, wie hier in Deutschland, auf Zehenspitzen stehen zu müssen, um sie überhaupt zu erreichen, und fast daran zu hängen.
Dann spielte Valeria. Sie ist gerade siebzehn Jahre alt geworden. Mit vierzehn musste sie sich für die Violine entscheiden, weil ihre kleinen Hände für ein professionelles Klavierstudium nicht ausreichen würden. Wir ahnten bereits seit sie sechs Jahre alt war, dass sie niemals große Hände haben würde, und nach allem, was wir selbst in unserer Laufbahn durchgemacht hatten, wollten wir ihr Stress und Frustration ersparen. Deshalb unterstützten wir sie, als sie als Kind sagte, dass sie neben dem Klavier noch ein weiteres Instrument lernen wolle.
Valeria spielte seit ihrem dritten Lebensjahr Klavier, und bereits mit vier Jahren interpretierte sie anspruchsvolle Stücke. Mit dreizehn gewann sie mehrere Wettbewerbe in Deutschland. Doch dann kam das Alter, in dem man virtuoses Repertoire spielen muss, um Wettbewerbe zu gewinnen – und genau dort begann der Albtraum. Es folgten Jahre voller Tränen, bis schließlich die Entscheidung fiel, Klavier nur noch als Hobby weiterzuführen und sich beruflich der Violine zu widmen.
Valeria spielte Chopins dritte Ballade. Sie war überglücklich, endlich jede einzelne Note in der gewünschten Geschwindigkeit und ohne Fehler, Ermüdung oder Schmerzen spielen zu können. Gleichzeitig wusste sie jedoch, dass dies nur an diesem einen Tag und auf genau diesem Instrument möglich war. Wie Christine weinte sie bitterlich, und die beiden fielen sich in die Arme. Es ist, als müsse man akzeptieren, dass die unmögliche Liebe, die man einst empfand, niemals Wirklichkeit werden wird – und dass man sie heute nur für einen einzigen Tag wiedersehen durfte. Wie schön wäre es gewesen...
Alejandro, der gerade neunzehn Jahre alt geworden ist, setzte sich anschließend ans Klavier. Auch er hat kleine Hände – etwa so groß wie meine –, aber nicht so klein wie die von Valeria oder Christine und zudem kräftiger gebaut. Er spielte das dritte Klavierkonzert von Rachmaninow. Obwohl das Thema kleiner Hände für Alejandro keine Frage von Leben und Tod ist, gelangen ihm auf diesem Instrument mit schmalerer Tastatur die schwierigen Passagen des Rachmaninow-Konzerts so mühelos, wie man es bei Pianisten mit großen Händen erwarten würde. Auf einer „normalen“ 6.5-Klaviatur ist es mit sehr viel mehr Anstrengung verbunden
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Es gibt Tausende von Klavierschülern, die sich abmühen und Schmerzen ertragen, um ein hohes Niveau zu erreichen.
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Alejandro sagte, dass das Konzert natürlich trotzdem schwierig sei und nach wie vor hervorragend gespielt werden müsse, doch die Ermüdung sei wesentlich geringer, und man hätte dieses Werk in deutlich kürzerer Zeit erlernen können.
Übrigens widmete Rachmaninow sein drittes Klavierkonzert dem Pianisten Josef Hofmann, der das Werk niemals öffentlich aufführte. Hofmann hatte kleine Hände und ließ sogar schmalere Klaviaturen anfertigen; auf seinen Konzertreisen nahm er sein eigenes Instrument mit. Auch der Pianist Daniel Barenboim hat Konzerte auf einer Tastatur gespielt, die speziell für seine ebenfalls relativ kleinen Hände angefertigt wurde.
Wir vier kehrten mit dem Wunsch nach Hause zurück, niemals wieder auf einem Klavier mit einer „normalen“ Tastatur spielen zu müssen … Aber natürlich können wir nicht aufhören, Pianisten zu sein. Und uns bleibt nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass es eines Tages selbstverständlich wird, dass in jedem Konzertsaal 6.0-Instrumente zur Verfügung stehen – oder zumindest die Wahl zwischen einer 6.5- und einer 6.0-Klaviatur besteht.
Es können fünf Jahre vergehen oder fünfzig. Ich weiß nicht, ob ich es noch erleben werde. Aber eines steht fest: Es gibt die Chance, den derzeitigen Standard zu hinterfragen und zu ändern! Dafür brauchen wir Unterstützung durch staatliche Förderprogramme, Institutionen, die bereit sind, solche Instrumente zu erwerben und bei den Herstellern nachzufragen, damit sich ein Markt erschließen kann. Auch internationale Wettbewerbe müssen diesen Wandel unterstützen.
Es ist nicht nur die Welt der Konzertsäle und Musikhochschulen, die sich verändern muss, auch der private Bereich muss sich öffnen. Hobby-Pianisten wären begeistert, ein solches Instrument zu Hause zu haben. Nicht jeder möchte Konzerte geben. Nicht alle Kinder werden Pianisten, und nicht alle Eltern streben für ihre Kinder eine professionelle Laufbahn an. Die meisten Menschen möchten einfach zu Hause Musik genießen. Für diesen Zweck spielt es keine Rolle, wie breit oder schmal die Tasten ist. Hätten Kinder Zugang zu schmaleren Tastaturen, würden sie technisch und musikalisch wesentlich schneller Fortschritte machen – ganz ähnlich wie Geigerinnen und Geiger mit Instrumenten, die ihrer Körpergröße angepasst sind.
Es gibt Tausende von Klavierschülern, die sich abmühen und Schmerzen ertragen, um ein hohes Niveau zu erreichen. Und als wäre das nicht genug, möchten heute durch den Einfluss der sozialen Medien alle das Niveau von Lang Lang, Yuja Wang oder Martha Argerich erreichen – Pianisten mit großen Händen, die insbesondere bei den Frauen eher Ausnahmen darstellen. Viele Kinder tun dies aus Liebe zur Musik, viele andere auf Wunsch oder Druck ihrer Eltern. Das mag von Land zu Land unterschiedlich sein, doch am Ende stehen sie alle vor derselben Realität: Kinder haben kleine Hände, und mit kleinen Händen die höchsten pianistischen Ebenen zu erreichen, ist nahezu unmöglich. Im Grunde gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie üben übermäßig viel, riskieren dabei ihre Gesundheit und ignorieren Schmerzen – oder aber es setzen sich hauptsächlich Kinder mit außergewöhnlich großen Händen durch. So wie etwa der Pianist Evgeny Kissin, der bereits mit zwölf Jahren seine internationale Karriere begann und für den die Größe der Hände nie ein Thema war.
Wie wunderbar ist es doch, sich ausschließlich auf die Musik konzentrieren zu können, anstatt ständig darüber nachdenken zu müssen, wie man diese oder jene Tonleiter, diesen oder jenen Akkord oder eine schwierige Oktavenpassage überhaupt bewältigen soll. Tausende Pianisten befinden sich in derselben Lage wie wir und haben sich seit Generationen damit abgefunden zu glauben, dass die Welt eben so sei.
Und dabei geht es nicht nur um die persönlichen Gefühle oder den anatomischen Komfort des Pianisten. Es geht auch um das Publikum. Ob nun nur die Großmutter zuhört oder ein vollbesetzter Konzertsaal: Je besser der Pianist spielen kann, desto höher ist die Qualität der Musik, die alle Zuhörer erleben.
Ich wünsche mir von Herzen, dass dieser Artikel die richtigen Menschen erreicht und dass wir Unterstützung jeder Art gewinnen können. Als ich ein Jugendlicher war, sagte man mir, ich hätte nicht die richtigen Finger, um Pianist zu werden. Aber wer zum Teufel entscheidet eigentlich, wie Finger aussehen müssen, damit man Pianist sein darf? Das Klavier sollte auf mich zugeschnitten sein – nicht ich auf das Klavier! Das Instrument sollte nach meinen Bedürfnissen gestaltet werden, damit ich die bestmögliche Kunst ausdrücken kann.
Auch wenn das Symbol von Macht noch immer der große, starke Mann mit großen Händen sein mag – die Welt verändert sich, und die Erfindung des Klaviers gehört zu den wunderbarsten Schöpfungen der Menschheitsgeschichte. Es ist an der Zeit, dass es für alle zugänglicher wird!
Wir würden uns sehr über Anrufe und E-Mails von Pianisten, Lehrkräften, Institutionen, Studierenden und allen anderen freuen, die an diesem wunderbaren Projekt interessiert sind. pianoduo@gerwig-gonzalez.com
Efraín González, 3.6.2026
Fotos © Alex Marc und picturepeople bonn
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