Klaviaturen mit schmaleren Tasten finden in letzter Zeit wachsendes Interesse und Verbreitung. Noch bis vor wenigen Jahren war das Thema eher eine Randerscheinung in der Klavierwelt. Inzwischen greifen immer mehr Menschen und Institutionen zu Flügeln und Klavieren mit kleineren Mensuren.
Einen Überblick über die jüngste Erfolgsgeschichte gibt die Zukunftsinitiative SIRIUS 6.0 der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Ulrike Wohlwender, Professorin für Klavierpädagogik, und ihre Kollegin, die Pianistin Silvia Molan setzen sich an der HMDK Stuttgart intensiv mit dem Thema auseinander und haben dazu beigetragen, dass auch C. Bechstein sich dafür engagiert.
Nun stellt C. Bechstein den ersten Flügel (Modell Concert A-192) mit 6.0-Klaviatur und dazu passender MIDI-Sensorik vor. Die hochsensible, unter den Tasten befindliche Sensorleiste der bewährten C. Bechstein Connect Technologie, welche die Beschleunigung der Tasten berührungslos mithilfe von Infrarotlicht misst, wurde dafür an die schmalere Klaviatur angepasst.
C. Bechstein ist damit der erste und einzige Hersteller, der schmalere Klaviaturen mit MIDI-Anbindung anbietet. Die Technik liefert nicht nur die zahlreichen Vorteile – wie das Ansteuern von Notendruckprogrammen, Digital Audio Workstations (DAW) und jeder Art von MIDI-kompatibler Software – die das C. Bechstein Connect System ohnehin mit sich bringt. Sie ermöglicht auch die hochsensible Erfassung von Daten zur weiteren wissenschaftlichen Erforschung, damit die Zukunftsvision, schmalere Klaviaturen als selbstverständliche Alternative zur Normklaviatur zu etablieren und damit zu mehr pianistischer Chancengleichheit beizutragen, zunehmend Wirklichkeit wird.
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Sollten Sie sich für einen C. Bechstein Flügel mit schmaleren Tasten interessieren, schreiben Sie uns bitte eine E-Mail an: narrowkeys@bechstein.de
Die Vorteile schmalerer Klaviaturen liegen buchstäblich auf der Hand: Von den meisten Menschen mit kleinen und mittelgroßen Händen werden schmalere Tasten als Erleichterung empfunden, wie zahlreiche Studien belegen. Der Vorteil – aus dem sich eine Reihe weiterer Vorzüge (s.u.) ergibt – besteht im Wesentlichen in der besseren und leichteren Spielbarkeit großer Intervalle, Sprünge und weitgriffiger Akkorde, wie Ulrike Wohlwender und Silvia Molan in ihrem Grundlagentext „SIRIUS 6.0 – Klaviaturen, die Hände wachsen lassen“ (zu finden auf o.g. Website) überzeugend darstellen und auf deren Erkenntnisse wir uns hier im Wesentlichen beziehen.
Das heute als weltweiter Standard etablierte Normmaß für Klaviaturen von 6.5 Zoll (= 165 mm) pro Oktave – gemessen über die Gesamtbreite von sieben weißen Untertasten – wurde historisch erst um 1880 international festgelegt. Maßgebend für die Normierung der Tastenbreite auf 22 mm war vermutlich die durchschnittliche Größe mitteleuropäischer Männerhände.
Spannweiten-Studien aus Australien bestätigen die Handforschung des Musikermediziners Christoph Wagner, wonach Männer auf der Normklaviatur durchschnittlich eine Dezime, Frauen dagegen durchschnittlich nur eine None greifen können. Neben geschlechtsspezifischen Differenzen kommen weitere Aspekte mit ins Spiel. So haben Pianist:innen asiatischer Herkunft, die heute an Musikhochschulen international die Mehrheit der Klavierstudierenden bilden, tendenziell schmalere Hände und kleinere Handspannweiten als beispielsweise Pianist:innen mit mitteleuropäischen Wurzeln.
Dass auch Kinder mit ihren von Natur aus kleineren Händen von schmaleren Klaviaturen profitieren – vergleichbar mit den ihnen schon immer wie selbstverständlich in verschiedenen, altersspezifischen Größen zur Verfügung stehenden Streichinstrumenten – versteht sich von selbst.
Betrachtet man nun all die oben genannten Gruppen zusammen, lässt sich folgern, dass schmalere Klaviaturen für sehr viele, möglicherweise sogar die Mehrheit der Klavierspielenden eine Erleichterung darstellen könnten, weil ihnen die geringere Tastenbreite ergonomisch entgegenkommt. Studien zum Thema scheinen dies zu bestätigen: Für rund „87% der Frauen und für 24% der Männer“ – so Wohlwender/Molan unter Berufung auf internationale Forschungsergebnisse – sind Normklaviaturen bei weitgriffigem Repertoire eigentlich zu groß dimensioniert.
Andersherum folgt daraus, dass Menschen mit kleineren Händen in der Klavierwelt gegenüber Menschen mit größeren Händen professionell benachteiligt sind. Ablesbar ist dies z.B. an Klavierwettbewerben: Männer gewinnen 4mal häufiger als Frauen 1. Preise, wenn weitgriffiges Repertoire gefordert ist. Bei Bach- und Mozartwettbewerben ist es umgekehrt. Lässt sich der Gender-Gap bei Klavierwettbewerben vielleicht sogar wesentlich auf die Tastaturgröße zurückführen?
Die am häufigsten geäußerten Bedenken gegen schmalere Klaviaturen sind vermutete oder befürchtete Schwierigkeiten des Adaptierens, also des Sich-Umgewöhnens und Wechselns von der einen auf die andere Tastengröße. Alle bisher bekannten Studien zu dieser Frage kommen jedoch zum gegenteiligen Ergebnis: Im Normalfall stellt der Wechsel der Klaviaturgröße in beide Richtungen praktisch – und wider Erwarten – so gut wie keine Schwierigkeit dar. Die meisten Probanden gewöhnen sich bereits innerhalb weniger Minuten an die veränderten Tastenmaße. Neben den Forschungsergebnissen von Wohlwender/Molan belegen dies auch die Ergebnisse der jüngst erschienen Studie von Prof. Ulrich Hench an der Hochschule für Musik Nürnberg.
Vor der Einführung der Normklaviatur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte die Fähigkeit, sich auf verschiedene Klaviaturgrößen umstellen zu können, zu den alltäglichen Herausforderungen aller Klavierspielenden, sofern sie auf wechselnden Instrumenten spielten. Bis dahin waren die Tasten historischer Hammerflügel von Instrument zu Instrument unterschiedlich breit, wie man beispielsweise in der Sammlung historischer Tasteninstrumente der Carl Bechstein Stiftung in Berlin spielend erfahren kann. Schwankungen von bis zu 9,4 mm pro Oktave waren an der Tagesordnung, wobei die durchschnittliche Tastenbreite und damit die Oktavbreite zunahmen, je größer und stabiler die Instrumente im Laufe der Klavierbaugeschichte seit Beginn des 18. Jahrhunderts bis zum letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurden.
Seit der um 1880 eingeführten Normierung wurde das verbindlich festgelegte Oktavmaß zunächst lange Zeit kaum in Frage gestellt. Josef Hofmann war der erste Pianist, der ab 1930 auf einem Flügel mit schmaleren Tasten konzertierte, deren Zeichnungen er bereits 1911 angefertigt hatte. Erst in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts begann der amerikanische Ingenieur und Unternehmer David Steinbuhler (Pennsylvania/USA) Klaviaturen mit alternativen Mensuren zu bauen. Der bekannteste Pianist, der bekennenderweise auf schmaleren Tasten spielt, ist Daniel Barenboim. Barenboim spielt seit 2008 auf einer Klaviatur in Größe 6.2 Zoll (157,5 mm statt 165,1 mm). Auch sein 2015 fertiggestellter Flügel von Chris Maene – ein sogenannter Gradsaiter ohne kreuzsaitigen Bezug, der nach dem Vorbild eines historischen C. Bechstein Flügels gebaut wurde – besitzt schmalere Tasten.
Im englischsprachigen Raum initiierte die Pianistin und Klavierprofessorin Dr. Carol Leone (Dallas) die Erforschung und Verbreitung von 6.0 Klaviaturen an amerikanischen Universitäten. Gemeinsam mit Rhonda Boyle und Erica Booker (Sydney) gründete sie 2013 das Netzwerk Pianists for Alternatively Sized Keyboards (PASK). Seit etwa 2020 nimmt die Bewegung auch im deutschsprachigen Raum immer mehr Fahrt auf. Zu verdanken ist dies insbesondere dem Engagement von Ulrike Wohlwender und Silvia Molan, die 2020 an der HMDK Stuttgart den ersten Flügel mit schmaleren Tasten an einer Musikhochschule in Deutschland aufstellten und die Zukunftsinitiative SIRIUS 6.0 gründeten.
Inzwischen ist „SIRIUS 6.0“ in der deutschsprachigen Klavierwelt zum geflügelten Wort für schmalere Tasten schlechthin geworden. Mittlerweile sind an den Musikhochschulen in Stuttgart, Nürnberg, Innsbruck und München Instrumente mit SIRIUS 6.0 Klaviaturen zu finden. Und es werden immer mehr.
2021 gründete die New Yorker Pianistin Hannah Reimann das jährlich stattfindende International Stretto Piano Festival mit weltweiten Online- und Präsenzkonzerten auf Klavieren und Flügeln mit schmaleren Klaviaturen. Stretto (ital. = eng) Keys bzw. Keyboards ist, neben der Bezeichnung Narrow oder Narrower Keys, der im englischen Sprachraum gebräuchliche Begriff für schmalere Tasten.
Zukünftig kann also damit gerechnet werden, dass der langsam, aber stetig wachsende Trend zur schmaleren Tastatur mehr und mehr Follower:innen finden wird. Auch wissenschaftliche Forschungen nehmen zu. Neben den bereits genannten Projekten an der HMDK Stuttgart und der HfM Nürnberg sei auf ein aktuelles Forschungsprojekt von Dr. Florian Worschech an der HMTM Hannover verwiesen, das unter dem Namen „Kleine Tasten, große Wirkung“ das Adaptieren beim Wechseln zwischen verschiedenen Klaviaturgrößen untersucht.
Auch für größere Hände kann eine schmalere Klaviatur Vorteile bieten. Viele Spieler:innen sagen sogar, dass sie die Leichtigkeit, die sie beim Spielen auf der schmaleren Tastatur erleben, ein Stück weit auf die Normklaviatur übertragen können, wie Prof. Ulrich Hench in der oben erwähnten Studie berichtet.
Abschließend eine Auflistung der in der Fachliteratur am häufigsten genannten Vorteile schmalerer Klaviaturen
• geringere Anstrengung und Ermüdung beim Üben
• weniger Verspannungen und Verkrampfungen
• Prävention spielbedingter Überlastungssyndrome (z.B. Sehnenüberreizung)
• bessere Dosierbarkeit und höhere Präzision der Klanggestaltung
• feinere, ausgewogenere Klangbalance insgesamt differenzierterer Klang
• insgesamt effizienteres Üben
• mehr Fokus auf Interpretation
• mehr Chancengleichheit in der beruflichen Entwicklung
• mehr Chancengleichheit bei Wettbewerben
• Gendergerechtigkeit
• Altersgerechtigkeit