Dass Kit Armstrong einer der bedeutendsten und interessantesten Musiker unserer Zeit ist, bewies er nun erneut mit zwei nahezu ausverkauften Konzerten in der Elbphilharmonie Hamburg wie im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie. Gemeinsam mit dem von Jan Caeyers gegründeten Orchester Le Concert Olympique spielte Kit im Abstand von acht Tagen zwei verschiedene Beethoven-Programme, wobei er neben dessen Konzerten jeweils auch eine Sonate platzierte. In Hamburg titelte das dortige Abendblatt „Kit Armstrong macht das Drama um Beethovens Taubheit hörbar“. Das umjubelte Berliner Konzert, das von der angesehenen Konzertdirektion Adler veranstaltet wurde, durfte ich selbst erleben. Und trefflich charakterisierte der Dirigent bereits vor dem Konzert seinen Solisten: „Er war ein Wunderkind. Das Kind ist gegangen, das Wunder ist geblieben!“
„Beethoven27“ heißt das von Jan Caeyers und Kit Armstrong initiierte Projekt, mit dem die beiden bis 2027 – dem 200. Todesjahr des Komponisten – 27 Schlüsselwerke von Beethoven in 27 EU-Städten aufführen und mindestens 27.000 Besucher in renommierten Konzertsälen in ganz Europa verbinden möchten. Die letzte Zahl dürfte wohl wesentlich höher ausfallen, wenn man die Konzerte in Hamburg und Berlin als Maßstab nimmt. Jan Caeyers wiederum ist kein Jetset-Dirigent, sondern auch Musikwissenschaftler, bedeutender Beethoven-Biograph, der seine großen Kenntnisse bei seinen Konzertmoderationen so in Worte zu fassen weiß, dass sie dem großen Publikum wie den Kennern Hinweise zum Verstehen der Stücke geben, ohne belehrend zu wirken.
Der Dirigent wirkte in der Probe ein bisschen wie ein Besessener, der bis zur letzten Minute der Anspielprobe mit seinen Musikerinnen und Musikern an Details arbeitet, beispielsweise der Länge des Portato in einer Passage oder die Gestaltung eines Accelerando in einer anderen. Mit dem Pianisten ist solch eine Detailarbeit kaum notwendig. Denn Kit Armstrong kennt „natürlich“ die kompletten Partituren der Werke auswendig, spielt oft den Orchesterpart kaum hörbar mit, versteht sich mit dem Dirigenten bestens und musiziert mit diesem wie mit dem Orchester in einer Intensität, als spielten sie Kammermusik! Immer wieder suchen und finden sich in diesem Konzert die Blicke.
Mit Bachs Präludium und Fuge in C-Dur BWV 846 stimmt Kit auf die Tonart von Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 ein. Nahtlos nimmt der Dirigent den C-Dur-Faden auf. Das schöne Frühwerk, mit dem Beethoven sich als brillanter Klaviervirtuose etablieren wollte, wird in ebendiesem Geiste hörbar. „Kit ist der einzige Pianist, der sich in den Kopf von Beethoven hineinversetzen kann“, hatte der Dirigent vorab erklärt. Deshalb könne er auch statt der Kadenz von Beethoven eine eigene Kadenz improvisieren. Und Kits Kadenz hat es in sich, ist raumgreifend, hochvirtuos, thematisch dicht und reißt das Publikum nach dem ersten Satz bereits zu heftigem Applaus hin. Dabei sitzt hier ein wohlerzogenes Auditorium, das schon weiß, dass man normalerweise nicht zwischen den Sätzen klatscht. Dass sich dies nach dem ersten Satz des Konzerts Nr. 4 wiederholt, spricht für die Inspiration, die den Pianisten an diesem Abend leitet. Auch das deutlich spätere, viel individuellere Konzert – laut Caeyers zu einem Zeitpunkt entstanden, als Beethoven sich dank der drohenden Schwerhörigkeit eher als Komponist denn als Pianist empfand – wurde von Armstrong, Caeyers und Le Concert Olympique ungemein lebendig und tiefgründig zugleich interpretiert.
Zwischen die Konzerte hatte Kit die „Appassionata“ gesetzt. Caeyers erläuterte, dass diese eruptive und dramatische Sonate auch eine Antwort darauf sei, dass Beethoven 1803 einen Hammerflügel von Erard erhalten habe, der u.a. einen größeren Tonumfang und eine andere Mechanik als die damaligen Wiener Instrumente gehabt habe. Und wer den vor allem in den Bassregistern deutlich dunkleren und stärkeren Erard-Klang nun im Ohr hatte, der konnte vermuten, dass Kit in seiner ungemein expressiven, passagenweise regelrecht schroffen Interpretation der Sonate genau deshalb die Basspartie so betonte. Aber auch den warmen, kantablen Klang des Andante con moto wusste Kit wunderschön aus dem von Hervé Catin prächtig vorbereiteten C. Bechstein Konzertflügel D 282 hervorzuzaubern.
Das Rondo-Finale aus Beethovens zweitem Konzert als Zugabe und stehender Applaus rundeten den Abend. In der Elbphilharmonie geht die Beethoven27-Reise am 19. April weiter. Wollen wir hoffen, dass es auch in Berlin eine baldige Fortführung des Projektes geben wird.
Gregor Willmes