Stéphan Elmas. Der Romantiker aus Armenien
Heghine Rapyan. Foto: PR/Solo Musica. Ignaz Eigner (1854–1922): Der Komponist Stéphan Elmas, 1887. Quelle: Österreichische Nationalbibliothek. Gemeinfrei
Stéphan Elmas ist eine außergewöhnliche Gestalt sowohl in der armenischen als auch in der europäischen Musikgeschichte.
Nach ihrem erfolgreichen Debütalbum „The Soul of Smyrna“ (2023) vollendet die armenische Pianistin Heghine Rapyan nun ihre konsequente Wiederentdeckung der Klaviermusik von Stéphan Elmas (Geburtsname: Elmassian; Ստեփան Էլմաս, 1862–1937). Sie bezeichnet Elmas als „Chopin Armeniens".
Der armenische Pianist und Komponist Stephan Elmas galt als großes Talent seiner Zeit. 1886 lernte er Franz Liszt in Weimar kennen, spielte ihm vor und widmete ihm sechs Etüden. Außerdem war er mit Anton Grigorjewitsch Rubinstein und Jules Massenet befreundet.
Elmas' Leben wurde durch Krankheit und die Tragödie seines Heimatlandes überschattet, aber seine Musik spiegelt die Leichtigkeit und Gewandtheit seiner Technik wider, erinnert eher an die Romantik von Chopin, Liszt und Schumann als an die schwierigen Zeiten, in denen er lebte, und zeichnet sich durch eine handwerkliche Qualität aus, die seiner Musik eine Anziehungskraft verleiht.
Während Heghine Rapyan mit der ersten CD sämtliche monumentalen Klaviersonaten von Elmas dem internationalen Publikum vorstellte, lässt sie nun mit dem neuen Album (2025) ihren Genius in den intimsten Formen erstrahlen – in Mazurken, Nocturnes, Walzern und Präludien.
Beide Alben Rapyans zeichnen zusammen das vollständige Porträt eines außergewöhnlichen Komponisten, der bewusst die universelle Sprache der westeuropäischen Romantik wählte und damit eine seltene Brücke zwischen seinem armenischen Erbe und den großen Traditionen der europäischen Musik schlug. Mehrere Werke erklingen hier zum ersten Mal auf Tonträger.
Stephan Elmas CoverHeghine Rapyan erkannte in ihrer tiefgreifenden künstlerischen Auseinandersetzung mit seinem Werk, dass sich Elmas – anders als die meisten armenischen Komponisten seiner Zeit, die sich häufig von Volksliedern und nationalen Traditionen inspirieren ließen – bewusst der reinen Sprache der westeuropäischen Romantik zuwandte. In diesem Sinn bleibt er einzigartig: der einzige armenische Komponist seiner Generation, der Klaviermusik schuf, die völlig frei von nationalen oder ethnologischen Elementen ist – und damit eine universelle Musiksprache entwickelte, die in der Tradition von Schumann, Chopin, Liszt und Brahms steht.
Diese bewusste Entscheidung für die universelle romantische Sprache macht Elmas zu einem kulturellen Kosmopoliten zwischen Orient und Okzident. Deutlich wird, wie international das europäische Musikleben im 19. Jahrhundert alle politischen und ideologischen Grenzen überwand, um auch Stéphan Elmas umfassende künstlerische Anregungen zu liefern. Vor allem seine schicksalhafte Begegnung mit Franz Liszt in Weimar 1879 – er war damals erst siebzehn – sollte sein Leben prägen. Liszt bezeichnete ihn als „einen Künstler von großem Talent“ und empfahl ihm das Studium am Wiener Konservatorium. Die Pariser Presse nannte ihn später den „Dichter des Klaviers". Eine Rückkehr nach Smyrna in den späten 1880er-Jahren ermöglichte Elmas, zum kulturellen Leben seiner Heimatstadt beizutragen, bevor er sich dauerhaft in Paris und später in Genf niederließ.
Das Schicksal wollte es tragisch: Eine Typhuserkrankung 1897 führte zu fortschreitender Taubheit – von da an komponierte Elmas aus der Erinnerung heraus, was seiner Musik eine noch intimere, nachinnengekehrte Qualität verlieh. In dieser Zeit der Stille entstanden viele seiner kostbarsten Miniaturen.
Für Armenier ist Elmas ein Grund des Stolzes: ein Komponist, der sein kulturelles Erbe in den universellen Bereich der romantischen Kunst getragen hat. Für die Welt ist er ein Bewahrer romantischer Ideale zu einer Zeit, als sich die Musik dem Modernismus zuwandte. Sein Vermächtnis bleibt eine seltene und kostbare Brücke zwischen dem armenischen Geist und den großen universellen Traditionen der europäischen Musik.
Stéphan Elmas' Charakterstücke heißen Mazurken, Walzer, Nocturnes, Präludien oder Fantasie-Polonaise. Die Mazurken atmen Chopins polnischen Geist. Die Nocturnes verwandeln, wie es der Titel will, die Nacht zum
Bekenntnisraum der Seele. Das Première Scherzo c-Moll demonstriert, wie Elmas die großen romantischen Formen auch im kleineren Rahmen beherrscht. Die Walzer verbinden Wiener Eleganz mit orientalischer Ornamentik, während die sechs Präludien wie kristalline Momentaufnahmen wirken. „Elmas ist ein großartiger Melodiker“, lautet das Fazit von Heghine Rapyan. Diese melodische Begabung zeigt sich ebenso in den Berceuses, in denen Stéphan Elmas das eigene armenische Erbe in der europäischen Form des Wiegenlieds aufgehen lässt. Die große Fantasie-Polonaise Des-Dur am Schluss vereint schließlich einen starken patriotischen Geist mit poetischer Verklärung.
„Ich habe eine große Verantwortung, wenn ich diese Stücke zum ersten Mal vertone, denn ich setze einen Maßstab für kommende Generationen und nachfolgende Interpretinnen und Interpreten“, reflektiert Heghine Rapyan über ihre Rolle als (Wieder-)Entdeckerin dieses Repertoires. Heghine Rapyans Beziehung zu Stéphan Elmas wurzelt tief in ihrer eigenen Biografie. Bereits 2002 gewann sie als Teenager den ersten Preis beim Stéphan-Elmas-Klavierwettbewerb in Eriwan/ Armenien. Ihre Beziehung zu diesem Repertoire ist seitdem nicht nur intellektuell, sondern vor allem tief emotional verankert, wie sie einräumt: „Beim Spielen dieser Musik spüre ich eine unglaubliche Energie, die mich mit diesem Komponisten verbindet.“ Daraus ergibt sich von selbst, was sie ihrem Publikum im Konzert, aber auch beim Hören dieser neuen Aufnahme weitergeben möchte: „Im Idealfall springt diese Verbindung aufs Publikum über und kommt als Energie zu mir zurück.“
Heghine Rapyan hat das neue Album der großen österreichischen Pianistin Ingrid Haebler gewidmet, die 2023 verstarb und die eigene künstlerische Entwicklung entscheidend geprägt hat. Für die neue Aufnahme wählte sie bewusst den Fazioli F278-Konzertflügel, der nach ihrem Bekunden doch jene Farbenvielfalt und Reaktionsfähigkeit bietet, die Elmas' poetische musikalische Gedanken verlangen.
Heghine Rapyan begann ihre musikalische Ausbildung im Alter von drei Jahren in Gavar, Armenien. Sie studierte an der Tschaikowsky-Musikschule in Jerewan bei Armen Babakhanian und schloss ihr Studium am Staatlichen Konservatorium Jerewan 2007 mit Auszeichnung ab.
Anschließend setzte sie ihre Ausbildung an der Universität Mozarteum Salzburg fort, wo sie 2017 mit Auszeichnung ihren Master of Arts abschloss. Zu ihren Lehrern zählten Peter Lang und Rolf Plagge (Klavier) sowie Imre Rohmann und Tünde Kurucz (Kammermusik). Weitere künstlerische Impulse erhielt sie von Pavel Gililov und Klaus Hellwig.
Als Schülerin und Vertraute der legendären österreichischen Pianistin Ingrid Haebler gilt sie heute als deren kulturelle Erbin. Rapyan ist Preisträgerin unter anderem beim Stéphan-Elmas-Klavierwettbewerb (2002) und beim Kawai Artist Prize (2001). Ihr Debütalbum The Soul of Smyrna (Solo Musica/Naxos, 2023) mit der Weltersteinspielung der vollständigen Klaviersonaten von Stéphan Elmas brachte ihr internationale Anerkennung ein. 2025 veröffentlichte sie ihr zweites Album The Untouchable, das ihre eigenen Kompositionen enthält und ihr Debüt als Komponistin markiert.
Ihre Konzerttätigkeit umfasst zahlreiche Solorecitals und Orchesterauftritte in Europa und Asien. Im Oktober 2024 gab sie in der Tonhalle Düsseldorf ihr Debüt mit dem Klavierkonzert von Florence B. Price. Sie konzertierte mit dem Armenischen Philharmonischen Orchester, dem National Chamber Orchestra of Armenia, der Camerata Louis Spohr, dem Female Symphony Orchestra of Austria und dem Universitätsorchester Salzburg. In Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Kulturforum bringt sie seit Jahren österreichisches und armenisches Repertoire auf europäische Bühnen. Heute lebt Heghine Rapyan in Salzburg.
Geschrieben von: Claus Friede - www.kulur-port.de
https://www.kultur-port.de/kolumne/klassik/20175-stephan-elmas-der-romantiker-aus-armenien.html
Programm:
Stephan Elmas (1862 - 1937)
6 Preluden
n.1 G dur
n.2 h moll
n. 3 D dur
n. 4 Ges dur
n.5 a moll
n.6 f moll
Premier walse As dur
Walse n. 8 Des dur
Mazurka n. 4 E dur
Nocturne no.5 Ges dur
Nocturne no.7 fis doll
Fantasie Polonaise Des dur
Pause
Scherzo n.1 c-moll
Klavier Sonate n. 4 c-moll
1. allegro energico
2. adagio ma non troppo
3. Allegro
Beginn 19:00 Uhr
Eintritt frei
(Spendenbasis)
Kartenresevierung unter duesseldorf@bechstein.de