Bechstein-Tradition

Höchste Qualität seit 1853. Blättern Sie in einer Firmengeschichte, die gleichzeitig eine spannende Erfolgsgeschichte ist.

KARL SCHULZE KAUFT BECHSTEIN

Diesmal wurde daraus ein radikaler Neuanfang, am ehesten vergleichbar mit jenem Beginn, den 1853 Carl Bechstein gewagt hatte – nur war das Risiko noch höher. Der 38-jährige Karl Schulze, Klavierbaumeister und Inhaber des Oldenburger Musikhauses „Piano Sprenger“, hatte schon zweimal von Baldwin das Angebot erhalten, als Geschäftsführer die Verantwortung bei Bechstein zu übernehmen. Doch Schulze entschloss sich, dem amerikanischen Eigner Baldwin die Berliner Traditionsmarke ganz abzukaufen und erarbeitete mit einer Berliner Bank ein Finanzierungskonzept. Im Mai 1986 war der Transfer perfekt. Das Konzept griff; die Reorganisation des Unternehmens gelang innerhalb kurzer Zeit. Karl Schulze zielte mit Bechstein kompromisslos auf das obere Preissegment und hatte Erfolg. Schon nach der Übernahme betonte er in einem Brief an die Händler, Bechstein solle bleiben, „was es – in aller Welt – von jeher war: ein Name mit Klang“. Zur Musikmesse im Frühjahr 1987 präsentierte man das neue Flügelmodell K mit einer Länge von 1,58 Metern. Der Umsatz schnellte von zuletzt zehn Millionen Mark auf 14 Millionen hinauf.

1988 verlässt Bechstein die alte Produktionsstätte in der Reichenbacher Straße und zieht in die Prinzenstraße an den Moritzplatz, in die Nähe des Checkpoint Charlie. Die neuen Gebäude sind hochmodern; die Konjunktur nicht schlecht. „Perestroika“ und „Glasnost“ deuten auf künftige neue Märkte innerhalb eines sich verändernden Ostblocks hin. Der Ostblock verändert sich allerdings weit gründlicher, als man noch 1988 hatte erwarten können. Der Fall der Berliner Mauer im Spätherbst 1989 läutet ein neues Zeitalter mit unerwartet harten wirtschaftlichen Bedingungen ein.

Zunächst herrscht freilich Optimismus. 1990 übernimmt Bechstein die ehemals Berliner Firma „Euterpe“, ein mittelständisches Klavierbauunternehmen, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg im fränkischen Langlau angesiedelt hatte. Zu „Euterpe“ gehört seit 1977 auch Hoffmann, ebenfalls eine ehemals Berliner Klavierfabrik, die sich in Langlau niedergelassen hatte. Im gleichen Jahr 1990 aber geht weltweit die Klavierproduktion um rund 40 Prozent zurück.

Die ehemalige "Sächsische Pianofortefabrik" - heute C. Bechstein Manufaktur in Seifhennersdorf

 

ZUKUNFTSWEISENDE SCHRITTE

Dennoch greift Karl Schulze knapp zwei Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands erneut entschlossen zu. Diesmal erwirbt er die „Sächsische Pianofortefabrik“ in Seifhennersdorf, ehemals unter dem Namen Zimmermann einer der größten Hersteller in Deutschland. Seifhennersdorf liegt in einer Region mit bedeutender Instrumentenbau-Tradition. Die Lohnkosten sind noch deutlich niedriger als in Berlin.

Damit sind Weichen gestellt. Nur der Konjunktur fehlt es an Dampf. Die Märkte im Osten Europas sind zusammengebrochen. Die öffentlichen Mittel in der größer gewordenen Bundesrepublik müssen für die dringendsten Verbesserungen der Infrastruktur in den neuen Bundesländern aufgewendet werden.

Im Juni 1993 muss Langlau schließen. Der Sozialplan belastet das gerade erst reorganisierte Unternehmen, und im gleichen Jahr stellt Bechstein Konkursantrag. Das Echo ist weltweit und außerordentlich. Überall herrscht Sorge, die große Tradition der Bechstein-Instrumente könne beendet sein. Nur der Berliner Senat bleibt unbeeindruckt. Die politische Führung gilt nicht unbedingt als kulturinteressiert. Man plant lieber einen gigantischen Potsdamer Platz, träumt von neuen Hochhäusern und noch höheren Spekulationsgewinnen. Bechstein möchte einfach nur das Grundstück am Moritzplatz veräußern, findet sogar finanzkräftige Käufer. Das Land Berlin aber hat ein vertraglich gesichertes Vorkaufsrecht und entscheidet zunächst einmal – nicht. Erst spät, fast zu spät, entschließt sich Berlin, tatsächlich von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch zu machen und das Grundstück zu übernehmen, zum niedrigen Vor-Wende-Preis natürlich.

Es gibt Aktionen pro Bechstein. Ein Konzertflügel wird zum Gesamtkunstwerk, bemalt von Künstlern aus zwölf verschiedenen Ländern. Noch immer weckt „der Bechstein“ Emotionen, jetzt vielleicht noch mehr als nur wenige Jahre zuvor. Er ist noch ein Stück von jenem „Spree-Athen“, das sich in der Vorstellung der politischen Führung längst in Boom-Town verwandelt hat.

BECHSTEIN WIRD WIEDER AKTIENGESELLSCHAFT

Das benötigte Geld bringt der zähe Karl Schulze auf andere Art auf. Bechstein wird wieder Aktiengesellschaft. 1996 glückt die Umwandlung. 40 Prozent des Kapitals werden über die Börse bei privaten Anlegern platziert. Bis Ende des Jahrtausends investiert man 15 Millionen Euro in moderne Produktionsanlagen in Seifhennersdorf. 1999 zieht Bechstein in Berlin wieder um, diesmal in die Charlottenburger Kantstraße. Dort ist ein neues, hochmodernes Center für bekannte Marken, ein Institut für guten Geschmack entstanden, das „stilwerk“: Glas, Stahl, Beton und Lifestyle. Von den Verkaufsräumen aus ist man in wenigen Schritten in den paar Büros, wo das Herz des Unternehmens schlägt. Die Flügel und Klaviere befinden sich nun in jener Nachbarschaft, die sie auch bei den potentiellen Käufern vorfinden könnten: Designer-Möbel, moderne Stoffe, Espresso-Maschinen. Wie ein Museum of Modern Art zum Anfassen wirkt das „stilwerk“, das es in Hamburg und bald auch in Düsseldorf geben wird. Es ist mindestens so sehr Kommunikationszentrum wie Konsumtempel; hier kann man sich treffen, sich anregen lassen, sogar Konzerte besuchen. So ist es konsequent, dass Bechstein mit der rheinischen Niederlassung in in das dortige „stilwerk“ zieht. Sehr bald gab es auch an beiden Orten freudig frequentierte Konzertreihen. Die Künstler wurden nun freilich nicht mehr in einem hochherrschaftlichen „Tusculum“ bewirtet, sondern beim Italiener um die Ecke.

Die gesamte Palette entsteht zunächst in Seifhennersdorf, unterschiedliche Produktreihen für unterschiedliche Käuferinteressen. Der neue große Konzertflügel Modell D wird hier ebenso gebaut wie die im Vergleich preiswerten Hoffmann-Klaviere und die Linie der edleren Zimmermann-Pianos, die im mittleren Preissegment angesiedelt sind. Und wer seine Nachbarn schonen will, kann ein „VARIO Piano“ bestellen, das zwei Klaviere in einem birgt: ein akustisches Instrument und ein E-Piano mit mechanischer Tastatur – Neo-Bechstein, zweite Auflage. Der Jahresumsatz der C. Bechstein AG beträgt zur Jahrtausendwende rund 40 Millionen Mark.

Modernes Design: Das Bechstein Ars Nova Klavier

DESIGN MIT AUGENMASS

Erneut schreibt Bechstein auch Kulturgeschichte: Die „ProBechstein“-Klaviere definieren die Form des aufrechten Pianos, mit dem Carl Bechstein vor 150 Jahren sein Unternehmen begann, auf eine Weise neu, dass man fast von einer zweiten Erschaffung reden kann: zeitgemäße Eleganz der Konstruktion, Proportionen nach den uralten Regeln des Goldenen Schnitts – das Piano als Denkmodell hoch differenzierten und doch klaren Designs. Ein Instrument, das die Welt eines Norman Foster oder eines Jean Nouvel reflektierte. Das einst so ungefüge, klingende Vertiko hatte sich zur Skulptur gewandelt.

Eines der drei Modelle erhält als Namen die lateinische Bezeichnung „Ars Nova“. Die lässt einerseits die Zeit des „Art Nouveau“ anklingen, die Epoche des Jugendstils, in der gegen Ende des 19.Jahrhunderts bedeutende Architekten und Designer gerade auch für Industrie- und Manufakturprodukte eine werk- und materialgerechte neue Ästhetik entwickelten; zum andern wird hier die „Ars Nova“ beim Wort genommen, jene musikalische Revolution des beginnenden 14.Jahrhunderts, die in der französischen isorhythmischen Motette ihren unmittelbaren Ausdruck fand. Dass die „Ars Nova“-Klaviere aus dem Hause Bechstein in der internationalen Design-Welt zugleich sehr wohl als „brand new“ empfunden wurden, spiegelte sich in der Tatsache, dass die Instrumente mit dem angesehenen „Good Design Award“ ausgezeichnet wurden.

So musste nicht verwundern, dass beim Jubiläum des Jahres 2003 nicht nur die große Vergangenheit gefeiert wurde, sondern eher schon der Ausblick auf die Zukunft dominierte. Gewiss: Es gab Festakt und Konzerte, wie sich das gehört. Bechstein – eine Adresse in der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. In einer Hauptstadt, in der ein neu gestalteter Postdamer Platz, die Kuppel des Sir Norman Foster über dem Reichstag, das groß dimensionierte Kanzleramt durchaus Aufsehen erregen sollen. Für Aufsehen sorgte natürlich auch das Bechstein-Jubiläum; im 21. Jahrhundert spricht man in solchen Fällen von Medien-Echo.