Bechstein-Tradition

Höchste Qualität seit 1853. Blättern Sie in einer Firmengeschichte, die gleichzeitig eine spannende Erfolgsgeschichte ist.

DAS BECHSTEIN-MOOR-DOPPELKLAVIER

Eine wirkliche Neuerung war 1929 der Flügel nach dem System des ungarischen Pianisten und Tüftlers Emanuel Moor: Zwei gekoppelte Manuale wie bei einer Orgel, das obere eine Oktave höher. Und natürlich eine gedoppelte akustische Anlage. Moor pries seine Erfindung vor allem als ideales Instrument zur Interpretation der Werke von Johann Sebastian Bach. Das Monstrum hieß „Bechstein-Moor-Doppelklavier“; es erzeugte Begeisterung und rote Zahlen.

Das Bechstein-Moor Doppelklavier als Skizze

DER „NEO-BECHSTEIN-FLÜGEL“

Eine andere Entwicklung verhieß mehr Erfolg. Sie war freilich der Zeit weit voraus – zu weit. Dazu kooperierte Bechstein mit dem Physiker Hermann Walther Nernst, der 1920 den Nobelpreis für Chemie erhalten hatte und als einer der Begründer der physikalischen Chemie gilt. Nernst formulierte unter anderem den 3. Hauptsatz der Thermodynamik und definierte damit den sogenannten absoluten Nullpunkt; ferner entwickelte er die „Nernstlampe“, die ein nahezu weißes Licht abgibt. Für die Ausführung der elektrotechnischen Seite des ultramodernen Instruments waren Siemens & Halske zuständig, und so entstand der „Neo-Bechstein-Flügel“ oder „Siemens-Nernst-Flügel“, ein Stutzflügel ohne Resonanzboden und mit dünnen Saiten, die jeweils in Fünfergruppen über eine Art Mikrofon-Kapsel geführt waren. Erzeugt wurde der Ton über extrem leichte „Mikrohämmer“. Das Instrument war nur 1,40 m lang. Das rechte Pedal diente der Lautstärkeregelung; mit dem linken Pedal konnte man den Effekt eines Cembalo- oder Celesta-Tons erzeugen: „Ferner werden ein Radioempfangs-Apparat und ein elektrisches Schallplattenwerk eingebaut, die, mit dem Verstärker und Lautsprecher verbunden, außergewöhnlich gute Übertragungen erzielen.“ Für die klaviertechnische Seite war Oskar Vierling zuständig, einer der großen Tüftler des Klavierbaus. Nachdem sich Bechstein in seinen Anfängen mit einem der größten Pianisten zusammengetan hatte, mit Hans von Bülow, arbeitete man nun mit einem der bedeutendsten Physiker und Nobelpreisträger, was sicher nicht wenig über die Philosophie des Unternehmens aussagt. In den „Signalen“ hieß es 1931: „Im Bechstein-Haus am Zoo in Berlin wurde am 25. August der Bechstein-Siemens-Nernst-Flügel einer großen Anzahl geladener Gäste durch Geheimrat Prof. Nernst vorgeführt. Das Instrument verfügt über eine erstaunliche Vielseitigkeit der Verwendungsmöglichkeiten. Es vereinigt Sprechmaschine und Radio ...“

Der Neo-Bechstein war 1931 eine Sensation, aber kein Erfolg. Die Zeit war noch nicht reif. Dabei konnte man mit diesem Instrument direkt und ohne weitere Mikrofone für das Radio spielen oder Schallplatten aufnehmen. Zu alledem war der Flügel preiswerter als der kleinste Bechstein. Was sich heute längst zu einem gigantischen Markt ausgewachsen hat, nämlich das Segment für elektronisch verstärkte und elektronische Instrumente, blieb damals eine so kleine Nische, dass das Produkt nicht überleben konnte. Sogar die zugrundeliegenden Berechnungen von Nernst, der 1941 in Muskau starb, scheinen verlorengegangen zu sein. 

Britischer Werbefilm für den Neo-Bechstein mit Peggy Cochrane aus dem Jahr 1933

 

HELENE CAPITOS –BECHSTEINS UNGLÜCKLICHE VERBINDUNG

Ende 1932 hatte man mit einer handfesten Weltwirtschaftskrise zu kämpfen und versuchte es mit neuen Marketing-Methoden. Bestimmte Instrumente wurden mit einem „nur in dieser Zeit gültigen Arbeitsbeschaffungsnachlass von beträchtlicher Höhe“ verkauft. Es half nicht viel. In den fünf Jahren zwischen 1930 und 1935 wurden insgesamt etwa 4.500 Instrumente abgesetzt; zwischen 1935 und 1940 ging die Produktion noch einmal zurück auf 3.900. Die Verehrung der Helene Bechstein für Adolf Hitler hatte offensichtlich nicht viel eingebracht.

Die innere Situation des Unternehmens war zudem alles andere als günstig. 1926 waren die Zerwürfnisse innerhalb der Familie erneut ausgebrochen. Vor allem ging es damals um den kostspieligen Einzug in das „Haus am Zoo“ Ecke Kurfürstendamm/Hardenbergstraße gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Der Architekt des auffallenden Gebäudes war Hans Poelzig gewesen, der unter anderem für Max Reinhardt den Umbau des Großen Schauspielhauses, der sogenannten „Tropfsteinhöhle“, bewerkstelligt hatte, der das Berliner „Haus des Rundfunks“, heute SFB, erbaute und das Frankfurter I.G.-Farben-Haus und der in den 20er Jahren einen utopischen Entwurf für ein Salzburger Großes Festspielhaus vorgelegt hatte – über den Grundstein kam man nicht hinaus. Das „Haus am Zoo“ war also eine der besten Adressen im Westen Berlins – und eine ausgesprochen teure dazu.

Großzügige Verkaufsräume mit Blick auf den Kurfürstendamm in Berlin

Edwin Bechstein widersetzte sich energisch den Plänen seines Bruders und trat endgültig aus der Firma aus. Dem Vorstand gehörten nun neben dem Vorsitzenden Carl Bechstein jun. dessen Sohn Carl III. an, der schon 1919 in die Firmenleitung aufgenommen worden war, ferner Hans Joachim Gravenstein, Gatte von Grete Bechstein, und Erich Klinkerfuß. 1931 starb Carl Bechstein jun., sein Bruder Edwin 1934.

Natürlich hatte man erhebliche Anstrengungen unternommen, um auf einem sich verändernden Markt bestehen zu können. 1926 war der „Liliput“-Flügel in Serie gegangen, der nur 1,65 m lang war. Die neue Londoner Filiale Bechstein Piano Company Ltd, die bereits 1924 wieder eingerichtet worden war, versuchte es Anfang der 30er Jahre mit einem eigenen Flügelmodell, das nur 1,38 m lang war und damit auch besser an die Wohnverhältnisse in den schmalen englischen Stadthäusern angepasst schien. Doch Händler und Käufer waren mit der Qualität des Instruments nicht zufrieden; bereits 1934 wurde die Produktion wieder eingestellt. Staatdessen baute man in Berlin einen 1,40-m-Flügel für die besonderen Bedürfnisse der englischen Middle class und lieferte ihn nach Großbritannien. Mitte der 30er Jahre bekam ein Londoner Händler diesen kleinsten Flügel für einen Einkaufspreis von rund 630 Reichsmark (was etwa 15 Nettowochenlöhnen eines Bechstein-Arbeiters entsprach). Immerhin gehörten lange Zeit sowohl Harrods als auch Selfridges in der Oxford Street zu den Londoner Vertretungen. Harrods vertrat Bechstein übrigens auch in Argentinien mit sechs Niederlassungen.

In England gab es anti-deutsche Ressentiments freilich nicht nur seitens der einheimischen Industrie; zusätzlich wuchs die Skepsis gegenüber der Hitler-Diktatur.

Nüchtern besehen brach die C. Bechstein AG im Jahr 1933 zusammen. Bei der Restrukturierung 1934 errang Helene Bechstein die Aktienmehrheit. Um die Kapitaldecke zu erhöhen, wurden die alten Grundstücke in der Johannisstraße an den Preußischen Staat verkauft – dessen Ministerpräsident hieß immerhin Hermann Göring. Inwieweit hier die Nähe von Helene Bechstein zur Führungsspitze der NSdAP von Nutzen war, ist nicht geklärt. Den Absatz hat sie, wie gesagt, offenbar ebensowenig befördert wie die „Abteilung Propellerbau“ innerhalb des Unternehmens.

Mit der rücksichtslosen Verfolgung, Enteignung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bürger durch die Nationalsozialisten verlor Bechstein einen großen Teil seiner potenziellen Käufer. Der „Bechstein“ war in den Familien des wohlhabenden jüdischen Bildungsbürgertums eines der bevorzugten Instrumente. Nicht mehr zu klären ist der Verbleib der vielen „Bechsteine“, die von denen zurückgelassen wurden, die sich in die Emigration retteten. Die nationalsozialistischen Behörden und Organisationen hatten beim Plündern der verlassenen Wohnungen eigens den Begriff des „herrenlosen jüdischen Gutes“ erfunden. Es wäre sicher aufschlussreich zu erfahren, wo etwa die beiden Flügel von Artur Schnabel blieben oder die Instrumente der Komponisten Ralph Benatzky und Jean Gilbert – um nur einige wenige zu nennen. Und viele der emigrierten Künstler konnten sich später nie mehr dazu entschließen, zu ihrer einstigen Flügelmarke Bechstein zurückzukehren.