Bechstein-Tradition

Höchste Qualität seit 1853. Blättern Sie in einer Firmengeschichte, die gleichzeitig eine spannende Erfolgsgeschichte ist.

1860 - 1890

Am 8. Oktober 1860 wurde das junge Unternehmen von einem wichtigen Ereignis geadelt. An diesem Tag kaufte der größte Meister des Pianoforte seinen ersten Bechstein-Flügel. Das Instrument trug die Nummer 247. Im Ausgangsbuch war preußisch-schlicht über den Käufer zu lesen: „Kapellmeister Liszt in Weimar.“

Bis Ende 1860 hatte Bechstein insgesamt etwa 300 Instrumente gebaut. Das war noch weniger, als Feurich in Leipzig vorzuweisen hatte; und Blüthner, ebenfalls in Leipzig, war seit 1853 bereits bei Nummer 2.500 angelangt. Steinway & Sons in New York und Braunschweig, die 1853 in Amerika mit Nummer 483 begonnen hatten – die vorangegangenen Instrumente waren ausschließlich in Deutschland gebaut worden –, hatten bereits dreitausend Instrumente gefertigt.

Carl Bechstein war also zunächst nicht unbedingt vom kommerziellen Erfolg verwöhnt. Es war wohl in erster Linie die künstlerisch-ästhetische Idee, die ihn trieb. Bechstein wollte einen neuen Klavierklang. Und so berichtet Bülow Ende 1860 in einem Brief an Liszt, er habe für die h-Moll-Sonate in Leipzig einen „ultrasublimen Bechstein“ zur Verfügung gehabt. Über Jahrzehnte hinweg sollte der „Bechstein“ mit seinem Klang den Fortgang der Musik nachhaltig beeinflussen. Unzählige Kompositionen sind an ihm niedergeschrieben worden.

Zwei Jahre später kommt ein erneuter Durchbruch. Auf der Londoner Industrieausstellung von 1862 gibt es gegen die übermächtige englische Konkurrenz und deren gute Verbindungen zur Ausstellungsleitung Sieger-Medaillen: „Die Instrumente Bechsteins zeichnen sich durch eminente Frische und Freiheit des Tones, Annehmlichkeit der Spielart und Gleichheit der verschiedenen Register aus und dürften selbst der kräftigsten Behandlung Widerstand leisten.“ Über die Ausstellung wurde auch ein amtlicher Bericht im Auftrag der Kommission der Deutschen Zollvereins-Regierungen angefertigt: „C. Bechstein, Hoflieferant Sr. Majestät des Königs, dessen Geschäft erst im August 1856 gegründet wurde, aber in der kurzen Zeit von sechs Jahren sich zu einer solchen Höhe empor geschwungen hat, dass er mit 90 Arbeitern gegen 300 Instrumente, darunter allein 140 Flügel jährlich fabriziert und nach Amerika, Asien, England und Russland ausführt, hatte 2 ganz ausgezeichnete Flügel geschickt. (....) Wir berichten mit Freuden, dass seine Flügel eine große Anzahl von Freunden in London gefunden haben und glauben hoffen zu dürfen, dass sie in England Verbreitung finden...“

In dieser Zeit, in der sich das moderne Klavier endgültig entwickelte, gehörte es zum guten Ton, dass die einzelnen Firmen energisch darauf bedacht waren, bedeutende Interpreten an sich zu binden. Bülow, der in solchen Angelegenheiten von einer entwaffnenden Offenheit sein konnte, genoss die ausgesprochen liebenswürdigen Umgangsformen des Klavierfabrikanten Ludwig Bösendorfer in Wien. In Russland spielte er die Flügel der renommierten Petersburger Firma Becker und äußerte sich sogar vor Bechstein lobend über deren Klang und vor allem Spielart. Es hatte auch über verschiedene Seiten Annäherungsversuche zwischen Theodor Steinweg und Bülow gegeben, und Bülow hatte mehr als einmal überlegt, ob er nicht in Kontakt zu dem Braunschweiger Unternehmen treten sollte. Doch als man ihn, nachdem er sich 1863 nach einem Konzert in Berlin lobend über einen Steinway-Flügel geäußert hatte, zu vereinnahmen suchte, verbat er sich derlei ausdrücklich und deklarierte öffentlich seine Vorliebe für das „Bechstein'sche Farbenklavier“, freilich nicht ohne seinen großen Respekt vor dem Konkurrenzfabrikat deutlich zu machen.

Florierendes Unternehmen: C. Bechsteins Manufaktur um 1880

 

QUALITÄT SETZT SICH DURCH

Zu Beginn der 1860er Jahre beginnt nun also auch das Unternehmen Bechstein zu florieren. Bechstein hatte nach dem Tod Peraus 1861, der auch das Ende der Perau'schen Klaviermanufaktur bedeutete, die eigene Fabrikation in die Johannisstr. 4 verlegt auf zwei Grundstücke, die sich bis zur Ziegelstraße hinzogen. Ein dort stehendes älteres Gebäude sollte in den neuen Komplex einzubezogen werden. In der Behrenstraße 56 blieben das Magazin und das Lager, die erst 1867 auf ein weiteres Grundstück Johannisstr. 5 umzogen. Einen Teil des benötigten Kapitals für den Umzug hatte sich Bechstein geliehen. Doch kurz nach dem Umbau brach ein Brand aus und vernichtete nahezu alles. Fast hätte dies das Ende des Unternehmens bedeutet. Doch noch einmal sprangen Freunde ein und liehen Geld. Auch Bülow trug dazu bei, denn er erwähnt verschiedentlich eine Summe von 2.000 Thalern. So schrieb Bülow am 24. August 1866 aus Luzern: „Meine 2.000 brauche ich jetzt nicht. Ums Himmels willen bewahren Sie diese Summe, benutzen Sie sie wie, wann immer bis – der Teufel wieder los geht.....“

Bülow hatte keine geringe Summe vorgestreckt, denn aus dem Jahr 1865 gibt es eine Preisliste, wonach ein Konzertflügel von 8 Fuß Länge, „Mechanismus mit ununterbrochener Auslösung, Saitenhalter und Klangbalken“, 700 Preußische Thaler kostete. Ein Stutzflügel kam auf 450 Thaler. Die Pianinos lagen zwischen 230 und 280 Thalern. Die Verpackung „in starker Holzkiste mit Schrauben“ berechnete das Unternehmen mit „8 resp. 7 Pr. Th.“.

Die Qualität der Instrumente sprach sich indessen immer mehr herum, nicht zuletzt dank Bülow. Nichtsdestoweniger blieb Bechstein überaus großzügig. Anfang Mai 1864 floh Wagner aus Wien nach München zu seinem neuen Gönner, dem Bayernkönig Ludwig II. Und zu seinem Geburtstag kam aus Berlin ein Bechstein-Flügel. Am 25. Mai bedankt sich Wagner artig:

„Als ich vor drei Jahren zum ersten Male aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrte und kurze Zeit bei meinem Freunde Liszt in Weimar verweilte, gerieth ich eines Tages zufällig über ein Instrument, das mich durch seinen krystalligen, wonnigen Ton der Maaßen freute und fesselte, dass ich meinem theuren Hans von Bülow, der mir bei einem traurigen Abschiede eine trostreiche Hoffnung erwecken wollte, den begeisterten Gedanken eingab, dafür Sorge tragen zu wollen, dass ein gleiches Instrument mich, wo ich weilen werde, erheitern solle.“

Der „theure Freund“ Hans von Bülow konnte damals noch nicht ahnen, dass Cosima und Richard Wagner einander schon im November 1863 in Berlin getroffen und das „Bekenntnis, uns einzig gegenseitig anzugehören“ ausgetauscht hatten. Am 10. April 1865 wurde Isolde, das erste gemeinsame Kind von Cosima von Bülow und Richard Wagner, in München geboren. Am 10. Juni 1865 dirigierte Hans von Bülow in München die Uraufführung von Wagners „Tristan und Isolde“.

Begegnung der Freunde: Richard Wagner im Gespräch mit Cosima Wagner, Hans von Bülow und Franz Liszt

 

RICHARD WAGNER: EIN NEUER FREUND

Ende 1864 war Bülow, der ebenfalls nach München gegangen war, von Bechstein bedacht worden. Und zwar gleich mit zwei Flügeln, einem kleinen in Eiche und einem großen „wunderbar schönen“, den der Pianist kurz vor Weihnachten mit Erfolg im Konzert benutzte: „Ihr Flügel hat famos geklungen, hell, deutlich, voll. Alles ist sich darüber einig, dass man solche Pianos in München noch nicht gehört. Ich hoffe, dass auch die Augsburger [Musikzeitung] davon reden wird – Steinweg kann diesmal niemanden gegen Sie bestechen“. Noch bevor die Flügel eintrafen, schrieb Bülow an Bechstein ein aufschlussreiches Notabene: „Der König kommt anfangs nächsten Monats. Das erste, was Wagner und ich ihm zu oktroyieren vorhaben, ist natürlich ein ‚Bechstein‘!“

Bechstein dachte sich für Wagner später noch etwas Besonderes aus. 1867 schickte er diesem, der nach etlichen Monaten erzwungenen Auslandsaufenthalts wieder nach München gezogen war, einen „Piano-Sekretär“, ein Klavier, das zugleich Schreibtisch war und damit ein zum Komponieren besonders geeignetes Möbel. Den Piano-Sekretär musste er allerdings nicht verschenken. Bülow an Bechstein: „Das Wagnerklavier (wir sind erfreut, dass es fertig) ist eine offiziell Allerhöchste Bestellung zum 22. Mai, nur durch meine Frau vermittelt.“ Bülows Gattin Cosima hatte zwar Wagner inzwischen schon eine zweite Tochter geboren, fungierte aber offiziell als dessen „Sekretärin“. Bülow in einem weiteren Brief: „Ihr Piano-Sekretär – himmlisch – hat dem verehrten Meister große, große Freude bereitet! Haben Sie das Gegengeschenk seiner Büste empfangen? Ferner (hierüber bitte ich nur positive Auskunft) hat Ihnen das Hofsekretariat Ihr Kunstwerk honoriert? Wenn noch nicht, so schreiben Sie mir‘s gleich – weil ich dann sofort mahnen werde – und mit Erfolg!“

Während Bülow, wohin er auch kam, mit der größten Entschiedenheit für die Instrumente Bechsteins warb, hatte der Klavierfabrikant an dem hochnervösen, zunehmend unter Kopfschmerzen leidenden Pianisten keinen leicht zu nehmenden Freund. Dass er bereit war, Bülow in sein Haus aufzunehmen, wann immer der in Berlin Station machte, wurde geradezu selbstverständlich. Häufig musste sich der Pianist bei Bechstein von völliger Erschöpfung erholen, wo er fürsorglich abgeschirmt wurde gegen jede, auch die freundschaftlichste Zudringlichkeit. War Bülow auf Reisen, so versorgte Bechstein ihn nicht nur mit seinen Konzertflügeln, sondern auch mit Zeitungen, Zigaretten und gelegentlich sogenannten “Judenwitzen”. Denn Bülow pflegte einen leicht snobistischen Antisemitismus, der von seinen jüdischen Freunden wie dem Cellisten Heinrich Grünfeld oder dem Pianisten Moritz Moszkowski mit Fassung ertragen, gelegentlich auch mit scharfsinnigen Aperçus beantwortet wurde.

EIN IDEALIST

In der Freundschaft zwischen dem Klavierfabrikanten und „seinem“ Pianisten fehlt jedes Moment von Berechnung. Bechstein war, so erfolgreich er als Unternehmer mit den Jahren auch wurde, weiterhin von seinem Klangideal getrieben; und er blieb ein Mensch, der Wärme ausstrahlte und auch im Miteinander Harmonie herzustellen suchte.

So war es Carl Bechstein, an den sich Bülow im Juli 1869 in größter Verzweiflung wandte; der Freund sollte ihm ein Exemplar des Preußischen Ehescheidungsgesetzes zuschicken und einen Anwalt vermitteln: „Es ist Gefahr für mich im Verzuge.“ Die geliebte Cosima, Tochter seines verehrten Lehrers Liszt, hatte ihren Ehemann Hans von Bülow nach mehreren Jahren einer entnervenden Ménagerie à trois endgültig verlassen und verlangte die Scheidung, um Wagner heiraten zu können, dessen erste Frau Minna inzwischen gestorben war. Im August 1869 ging Bülow aus München fort. Seinen Studenten überließ er zum Abschied seinen Bechstein-Flügel. In Berlin logierte er incognito bei Bechstein, Johannisstraße 5. Von dort schrieb er einen verzweifelten Brief an Joachim Raff, der endet: „Anfang künftiger Woche werden meine persönlichen Geschäfte hier abgethan sein, und ich bin dann frei, vogelfrei ...“

Leicht hatte es Carl Bechstein mit dem Freund bestimmt nicht. Und doch blieb er von außerordentlicher Bescheidenheit, wie ein Brief vom Ende 1868 bezeugt: „Die Freundschaft eines so hervorragenden Mannes und weltberühmten Künstlers sollte mich fast stolz machen, wenn ich mir nicht in Demuth gestehen müßte, dass ich dieselbe in Wirklichkeit nicht verdiene; ich habe nur das fabelhafte Glück gehabt, dass beim Beginn meiner Laufbahn ein Gott an meinem Werktisch stand, unter dessen Schutz ich das geworden, was ich gegenwärtig bin.“

GRÖSSE ZEIGT SICH IM UMGANG MIT KRITIK

Bülow ließ an seinem „Beflügler“ auch manchen Unmut aus. So schien ihm einmal die Mechanik zu schwergängig. Einen anderen Flügel, den ihm Bechstein nach Barmen geschickt hatte, nannte er kurzerhand „Barmen-Erbarmen-Flügel“: „Damit‘s dem Publikum weich und gefälliger klinge, wird die Individualität des Musikstücks und des Spielers vernichtet.“ Aus Florenz, wohin er nach seiner Scheidung floh, schrieb er: „... zu allen Teufeln habe ich Sie d. h. Ihren elenden ökonomischen Castrat-Kasten gewünscht. Ich habe nur ein Stück, Liszts Ricordanza, drauf spielen können und da klapperten die Bässe ganz Peraußlich.“ Bülow kannte ja noch die Perau‘schen Flügel und ärgerte Bechstein mit dieser spitzen Bemerkung sicher nicht wenig. Wie Bechstein das alles hingenommen oder besser: ertragen hat, ist nicht überliefert. Inzwischen dürfte er über jene Erfahrung verfügt haben, die wohl jeder Klavierbauer im Umgang mit herausragenden Pianisten macht: Dass wieder einmal die Seele des Künstlers klemmt und nicht unbedingt die Mechanik des Flügels.

Mancher Hinweis Bülows war allerdings sehr detailliert, so wenn er Bechstein riet, eine bestimmte zusätzliche Feder in die Mechanik einzubauen. Bülow wetterte gelegentlich gegen die „doppelte Auslösung“ (double échappement) nach Erard‘schem Vorbild, die heute Standard in allen Flügeln ist, und lobte die sogenannte einfache Auslösung nach altem englischem Vorbild. Vor allem ging es ihm um eine leichte Spielart und damit nicht nur um Brillanz, sondern in erster Linie um die Klangvaleurs. Tatsächlich baute Bechstein zeitweise parallel Flügel mit einfacher und solche mit doppelter Auslösung.

Bechstein revanchierte sich übrigens für lobende wie beschimpfende Schreiben unerschüttert auf seine Weise, wie einem weiteren Brief Bülows, diesmal aus dem Jahr 1872, zu entnehmen ist: „...fürstlich von Freund Bechstein aufgenommen und bei ihm aufgehoben. Ein eigener Diener in weißer Cravatte im Vorzimmer meiner Winke harrend, speciell darauf dressirt, keinen Menschen zu mir zu lassen.“

Es ist nicht auszuschließen, dass Bülow ohne seinen Freund Bechstein seine Pianistenlaufbahn gar nicht hätte durchstehen können. Carl Bechstein war ihm, um aus Wagners „Ring“ zu zitieren, Vater und Mutter zugleich. Bechstein hatte das Genie seines Freundes erkannt, der als Pianist dem 1. Klavierkonzert von Brahms den Weg ebnete und das 1. Klavierkonzert von Tschaikowsky uraufführte, und der als Dirigent die Uraufführungen von „Tristan und Isolde“ und der „Meistersinger“ leitete. Und Bechstein wusste, dass seine Instrumente ihre Möglichkeiten erst dann voll entfalteten, wenn ein Künstler des modernen hochnervösen und übersensiblen Typs sich ihrer bediente.

Verglichen mit Bülow war der Umgang mit Franz Liszt ein geradezu idealer. Jedes Jahr wurde ein neuer Bechstein-Flügel auf die Altenburg geschickt. Gegen Ende seines Lebens dankte Liszt dem inzwischen international berühmten Berliner Klavierfabrikanten noch einmal: „Eine Beurteilung Ihrer Instrumente kann nur eine vollkommene Belobigung sein. Seit 28 Jahren habe ich nun Ihre Instrumente gespielt und sie haben ihren Vorrang erhalten. Nach der Meinung der kompetentesten Autoritäten, welche Ihre Instrumente gespielt haben, ist es nicht mehr nötig, sie zu loben, es wäre dies nur Pleonasmus, eine Umschreibung, eine Tautologie.“

Auch am Hof des Kaisers von China wird C. Bechstein gespielt

DER EXPORT WÄCHST

Ende der 1860er Jahre hatte das Unternehmen den Export entschieden erweitern können. Die Instrumente gingen vor allem nach England und Russland, so dass auch der preußisch-französische Krieg 1870/71, der sich im Nachhinein als ein deutsch-französischer herausstellte, den Auslandsumsatz kaum beeinträchtigte. 1870 wurden die Fabrikationsanlagen erneut entscheidend erweitert. Die Stückzahl lag nun bei über 500 Instrumenten pro Jahr.

Der Erfolg ist freilich auch der Vater des Plagiats. Carl Bechsteins Anwälte waren zunehmend damit beschäftigt, besonders pfiffigen Zeitgenossen das Handwerk legen zu müssen, die ihre bescheidenen Pianos unter dem Namen „Eckstein“, „Bernstein“, „Beckstein“ zu vertreiben versuchten oder gar einfach „Bechstein“ daraufschrieben, weil vielleicht zufällig die Ehefrau diesen Geburtsnamen mitgebracht hatte.

Die 1870er Jahre bescherten mit den französischen Reparationen dem frisch gegründeten Deutschen Reich einen Bauboom ohnegleichen. Vor allem in Berlin entstanden nach Pariser Vorbild jene großen Wohnhäuser, deren Etagenwohnungen über zwei Eingänge verfügten, neben der Küche einen Raum für das Dienstmädchen enthielten und im vorderen Teil einen Durchgangssalon aufwiesen, das „Berliner Zimmer“, das ohne Flügel oder zumindest Pianino einfach nicht chic war.

1877 war ein Bechstein-Pianino von 1,25 Meter Höhe für 960 Reichsmark zu haben – der Thaler hatte inzwischen ausgedient. Ein „Konzertpianino“ kostete 1.275 Mark, bot Platz für die Büsten von Beethoven und Wagner und ragte 1,36 Meter hoch bis knapp unter die röhrende Hirsche. Ein kleiner Stutzflügel war nur 75 Mark teurer, während der große Konzertflügel mit einer Länge von knapp 2,60 Metern für 3.000 Mark angeboten wurde. Carl Bechstein baute 1877 insgesamt 672 Instrumente, er machte einen Umsatz von rund einer Million Mark und konnte mit einem Jahreseinkommen von etwa 80.000 Mark durchaus zufrieden sein.

1880 ließ Carl Bechstein eine zweite Fabrik in der Grünauer Straße errichten, die später, 1886, noch einmal erweitert wurde. Bechstein, der seinen Arbeitern, wenn sie ihm 25 Jahre lang die Treue gehalten hatten, eine goldene Uhr schenkte, erfüllte sich vermutlich im gleichen Jahr 1880 oder nur wenig später einen Traum: eine prachtvolle Neo-Renaissance-Villa am Dämritzsee in Erkner, die er in Anklang an Vergils „Bucolica“ und an Ciceros Villa Tusculanum sein „Tusculum“ nannte. Es war dies auch eine Anspielung an das „Goldene Zeitalter“ des Vergil und nicht zuletzt die selbstbewusste Geste eines Autodidakten, der sich seine eigene und sehr persönliche „humanistische Bildung“ aus eigener Kraft erarbeitet hatte. Die Villa wurde zum gesellschaftlichen Mittelpunkt – ein Haus, dessen Gastfreiheit sprichwörtlich war. Eugen d‘Albert zum Beispiel verbrachte den Sommer 1883 dort und komponierte sein neues h-Moll-Klavierkonzert.

Selbstverständlich war die Villa von einem ausgedehnten Park mit einem See umgeben. Und auf dem See konnte man sich bald mit einer ganz neuen Erfindung vergnügen: einem elektrisch betriebenen Boot. Fortschritt musste sein. Bechsteins „Tusculum“ war ab 1938 das Rathaus von Erkner. Am 8. März 1944 wurde es durch Bombentreffer völlig zerstört. Der Wiederaufbau blieb unvollständig. Immerhin gibt es heute wieder einen „Carl-Bechstein-Weg“.